Brief des Präses der EKiR an die Gemeinden
Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, wendet sich anlässlich des Reformationstages in einem Schreiben an die Gemeinden:
"Von der Freiheit, Liebe zu leben und Hass zu wehren - Reformationstag in Zeiten von Extremismus.
Liebe Geschwister,
wir feiern Reformationstag: „Ein feste Burg ist unser Gott.“
Wir feiern die tiefe Freiheit, im Geist Jesu Christi zu glauben, zu hoffen, zu lieben – allen widerstreitenden Erfahrungen zum Trotz. „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen ...“.
Wir tun das in einer Zeit, in der an vielen Orten Krieg herrscht, in der unsere Demokratie unter Druck steht und bei uns wie in anderen Ländern von extremistischen Parteien Hass und Hetze gegen alles Fremde verbreitet werden. Wahrheiten werden zu „alternativen Fakten“ verdreht. Und es werden Parolen laut, die schlicht rassistisch und menschenverachtend sind. All das ist mit unserem Glauben nicht zu vereinen – nicht mit dem Gott, der in sich Liebe ist.
Der Predigttext für den Reformationstag 2026 zeigt uns klar einen anderen Weg (Mt 10,26ff.).
Es geht darin um die Freiheit von der Furcht vor Menschen und zur „Ehrfurcht vor allem Leben“ (Schweitzer).
- Die Freiheit, dass wir aufstehen und widersprechen, wenn bei der Arbeit, auf dem Schulhof oder im Freundeskreis andere gemobbt oder ausgegrenzt werden.
- Die Freiheit, dass wir hinhören und uns kümmern, wenn Menschen davon sprechen, was ihnen Sorgen macht: ob das Geld für die Miete reicht, wie die Zukunft wird, wie Frieden, Bildung, die Bewahrung der Schöpfung gestärkt werden können.
- Die Freiheit, dass wir Gemeinschaft leben, gegen die grassierende Einsamkeit wie gegen eine Kultur des Misstrauens. Menschliche Vielfalt ist eine Gabe Gottes. Und wir geben niemanden verloren, weil Gott auch uns niemals verloren gibt.
- Die Freiheit, dass wir Hoffnung leben, wo andere schwarzmalen. Das hat nichts mit naivem Optimismus zu tun. Aber sehr viel mit innerer Widerstandskraft. Wir glauben an einen Gott, der Licht aus der Finsternis schafft – und die Welt in seinen Händen hält.
Diese vielfältige Freiheit haben wir nicht aus uns selbst, sondern aus Gott. Gottes Geist ist in uns am Werk, wo wir mutig lieben, fröhlich glauben und getrost hoffen. „Es soll uns wohl gelingen.“ Ihnen einen gesegneten Reformationstag!
Ihr
Dr. Thorsten Latzel, Pfarrer
Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland"